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Frühneuzeitliche Glasproduktion in der Herrschaft Reichenau am Freiwald, Niederösterreich (FÖMat A 19)

Buch Kurzinfo

AutorIn: Kinga Tarcsay

Titel: Frühneuzeitliche Glasproduktion in der Herrschaft Reichenau am Freiwald, Niederösterreich (FÖMat A 19)

Erscheinungsjahr: 2009

Seiten: 312

ISBN: ISSN 1993-1255

Preis: € 55,-

Die umfangreiche Arbeit stellt die historischen, bildlichen und archäologischen Quellen zur frühneuzeitlichen Glasproduktion in der ehemaligen Herrschaft Reichenau am Freiwald (Waldviertel, NÖ.) vor

Bezug über den Buchhandel oder direkt beim Verlag!

ISSN 1993-1255
 
Beachten Sie auch unsere Publikation zu neuzeitlicher Keramik: FÖMat A 17!

Seite/Inhalt

11   
Einleitung
15    Der Freiwald als Glashüttenregion
23    Die „Topographia Windhagiana“
27    Die Hütte Frauenwies
31   Die Hütte Schönfelderhof
37    Die Hütte Brennerhof
39    Die Hütte Reichenau I – „bey dem Mayerhoff“
43    Die Hütte Reichenau II – „wo sie noch zur Zeit stehet“
52    Exkurs: „Böhmischer Ofen“ und „Böhmischer Streckofen“
97    Exkurs: Vorstufen der Glasherstellung
289  Die Glasproduktion in der Region der ehemaligen Herrschaft Reichenau im 18. und 19. Jh.
291  Die Glashütten der Herrschaft Reichenau im Kontext der mitteleuropäischen Glaserzeugung
299  Zusammenfassung/Summary
301  Anhang


Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit werden alle verfügbaren Quellen zur Glasproduktion des 16. und 17. Jahrhunderts in der Herrschaft Reichenau am Freiwald (Niederösterreich) zusammengefasst. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Ergebnissen der archäologischen Forschungen, die vor allem durch die Beschreibungen und Darstellungen in der „Topographia Windhagiana“ eine wichtige Ergänzung erfahren.
Die behandelten Glashütten Frauenwies, Schönfelderhof, Brennerhof und Reichenau I waren bis 1599 beziehungsweise 1601 in Betrieb und wurden von der Hütte Reichenau II abgelöst, die bis etwa 1686 Bestand hatte. Die Bauweise der Glashütten und deren Öfen kann (trotz der beschränkten archäologischen Aufschlüsse) aufgrund der teilweise ähnlichen Konstruktion in einigen Bereichen rekonstruiert werden. Neben den Detailansichten in der „Topographia Windhagiana“ sprechen die Errichtung der Hütte auf einem Steinfundament sowie die Verwendung von genormten Ofenbausteinen für einen hohen technologischen Standard, der durch die italienische Glasmacherei beeinflusst war, gleichzeitig aber auch die weitere Entwicklung zum „böhmischen Ofen“ anzeigt.
Die Schmelzhafenfragmente ermöglichen zusammen mit weiteren Funden aus dem Mühl- und Waldviertel erstmals die Erstellung einer Typologie dieser glashüttenspezifischen Fundgattung. Auch sogenannte Kühlgefäße, keramische Formen, in denen die Gläser zum Abkühlen in den Kühlofen gesetzt wurden, werden zum ersten Mal umfangreich vorgelegt.
Die detaillierte Aufnahme des Fundmaterials und die Ergebnisse chemischer Analysen erlauben die Rekonstruktion der Rohstoffzusammensetzung sowie des Farb- und Formenspektrums der Reichenauer Gläser. Es handelt sich um siliciumreiches Holzascheglas, wobei am Ende der Hüttenzeit der Übergang zur Herstellung von Kreideglas fassbar ist. Anhand des Produktionsabfalls ist anzunehmen, dass beinahe zur Hälfte entfärbte, zu knapp einem Drittel grünliche und zu einem Fünftel weitere grünfarbige Gläser erzeugt wurden; der verbleibende Rest setzt sich aus blauen, rot-opaken, violetten, smaragdgrünen, weiß- beziehungsweise blau-opaken sowie opalinen und vereinzelten schwarz-opaken Gläsern zusammen. Die überproportional vertretenen violetten Rohglasbrocken konnten zum überwiegenden Teil als Zwischen- oder Fehlprodukt des Entfärbungsprozesses identifiziert werden, während nur ein geringer Teil der Endprodukte diese Farbe zeigt.
Das Produktionsspektrum vor allem der Hütte Reichenau II umfasste sowohl Hohl- als auch Flach- und Massivglas. So sind farblose Gläser à la fa&cc;on de Venise (etwa Filigran- und Schlangengläser), bunte Teller, Schalen und Krüge sowie einfache Gebrauchsformen belegt. Einige Gruppen, etwa die diamantrissverzierten oder emailbemalten Stücke, lassen sich sehr gut bestimmten, kunsthistorisch eng eingrenzbaren Stilkreisen zuordnen. Unter den verschiedenen Flachglasarten konnte die Anwendung einer weitgehend unbekannten Technik – des sogenannten „Tellerglases“ – nachgewiesen werden.
Schrühbrandfunde geben Zeugnis einer zumindest in der Nähe der Hütte Reichenau II gelegenen Fayenceherstellung. Das restliche keramische Fundmaterial gewährt auch Einblicke in den Alltag der Glasmacher, wobei neben der üblichen Geschirrkeramik die Funde von Tabakspfeifen, Spielsteinen und einer Murmel auffallen, die in Verbindung mit der Darstellung einer Kegelbahn vor der Glashütte in der „Topographia Windhagiana“ wohl auch den Zeitvertreib der Glasmacher zwischen der Arbeit am Ofen illustrieren.
Die Gesamtheit dieser Daten lässt weiter reichende Aussagen zu den Betriebsformen der Hütten in der Herrschaft Reichenau zu. Der Vergleich der Produktpalette archäologisch erforschter Glashütten in Mitteleuropa unterstreicht die Qualität der in Reichenau und der umgebenden Glashüttenlandschaft hergestellten Erzeugnisse. Diese Ergebnisse machen deutlich, dass archäologische Untersuchungen an Glashüttenstandorten für neue Impulse und Erkenntnisse in der stark historisch und kunstgeschichtlich geprägten Glasforschung unverzichtbar sind.
Die Bedeutung Österreichs als geografisches Bindeglied zwischen Venedig und Böhmen, den beiden wichtigen mitteleuropäischen Glaszentren des Mittelalters und der frühen Neuzeit, und seine Mittlerrolle bei dem zwischen diesen beiden Polen verlaufenden Transfer von technologischen Kenntnissen und Neuerungen ist bisher kaum erforscht. Die hier vorgestellten Untersuchungen zu den Glashütten der Herrschaft Reichenau beleuchten nun dieses Spannungsfeld genau in dem Zeitabschnitt der Ablöse Venedigs als führendes europäisches Zentrum der Glasherstellung durch die böhmischen Länder.


Summary

This publication draws together all available sources about glass production in the 16th and 17th Centuries in the manor of Reichenau am Freiwald (Lower Austria). The focus is on the results of the archaeological research, which are significantly complemented by the descriptions and illustrations contained in the “Topographia Windhagiana”.
The glassworks Frauenwies, Schönfelderhof, Brennerhof and Reichenau I were in use up to 1599 and 1601 respectively and were succeeded by the glassworks Reichenau II, which continued until 1686. The technical structure of the glassworks and their furnaces can be partly reconstructed in some areas despite the limited archaeological results. A high level of technology, influenced not only by Italian glassmaking, but also showing further development towards the “Bohemian furnace”, is shown not only by the detailed views in the “Topographia Windhagiana”, but also from the construction of the works on stone foundations and the use of standardized furnace stones.
The crucible finds, together with other finds in the Mühlviertel and Waldviertel districts have made a typology of this, to glassworks specific, finds category possible for the first time. So-called ‘annealing pots’, pottery forms in which glass vessels were placed to cool in the annealing furnace, are presented extensively for the first time.
The reconstruction of the raw material composition and the spectrum of colour and forms of the Reichenau glasses has been made possible by the detailed inspection of the finds material and the results of chemical analyses. The glass was wood ash glass rich in silicon, although toward the end of the works` life the transition to the production of chalk glass had begun. From the waste glass it is possible to say that almost half the glass vessels were decoloured, almost a third were greenish and a fifth were otherwise green coloured; the rest were blue, red opaque, violet, emerald green, white and blue opaque, as well as opal and a very few black opaque vessels. The overly-represented violet raw glass consisted in the main part of intermediary or failed products of the decolouration process. Only a small part of the final product has this colour.
The production range, above all that of Reichenau II, included hollow, flat and solid glass. Colourless glasses à la fa&cc;on de Venise (e.g. filigree and winding vessels), colourful plates, bowls and jugs, as well as simple everyday forms were found. Some groups, such as the diamond-point engraved or enamel-painted pieces, can be related to well-known, art historically narrowly-determinable, stylistic circles. Among the different flat glass types production in a little-known technique – the so-called ‘plate glass’ – was identified.
Faience production in the vicinity of the Reichenau glassworks was indicated by finds of unglazed sherds. The other pottery reveals something of the daily life of the glassmakers. Not only the usual domestic crockery was found, but also tobacco pipes, gaming pieces and a marble, which together with the illustration of a bowling alley in front of the glassworks in the “Topographia Windhagiana”, tell us how the glassmakers passed the time between work at the furnace.
The data considered as a whole allows more widely reaching statements about the operational methods of the glass works in the manor of Reichenau. The comparative analysis of the product range of archaeologically researched glassworks in central Europe underlines the quality of the production from Reichenau and the glass producing landscape of that area.
These results confirm that archaeological research at the sites of glassworks are essential to new impulses and findings in a historically and art historically-dominated glass research field.
Austria’s importance as the geographic link between Venice and Bohemia, the two important Central European glass centres in the medieval and early modern periods and its mediating role in the transfer of technological knowledge and innovation between these two poles has hardly been researched up to now. The research work presented here on the glass works of the manor of Reichenau illuminates this tension in exactly the period that saw the replacement of Venice as the leading European glass production centre by the Bohemian territories.