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Koch- und Tafelgeschirr des 18. Jahrhunderts (FÖMat A 17)

Ein Keramikfundkomplex aus Melk, Niederösterreich

Buch Kurzinfo

AutorIn: Martin Krenn, Johanna Kraschitzer, Doris Schön und Jasmine Wagner

Titel: Koch- und Tafelgeschirr des 18. Jahrhunderts (FÖMat A 17)

Untertitel: Ein Keramikfundkomplex aus Melk, Niederösterreich

Erscheinungsjahr: 2007

Seiten: 132

ISBN: 1993-1255

Preis: € 25,-

Bearbeitung eines umfangreichen neuzeitlichen Keramikfundkomplexes aus etwa 300 Gefäßen, der 2005 in einem abgemauerten Keller des Hauses Rathausplatz 11 in Melk (Niederösterreich) geborgen wurde (mit ca. 130 Farb- und...

Bezug über den Buchhandel oder direkt beim Verlag
ISSN 1993-1255

Seite/Inhalt 

7
Vorwort 
9 Fundgeschichte
11 Die Häuser Rathausplatz 11 und 12 im historischen Überblick
17 Das keramische Fundmaterial aus dem Keller des Hauses Rathausplatz 11 in Melk 
53 Der Keramikfundkomplex aus Melk – Zusammenfassung der Ergebnisse
55 Summary 
56 Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Das Fundmaterial aus dem Keller unter dem Haus Rathausplatz 11 in Melk besteht mit wenigen Ausnahmen aus Gefäßkeramik. In großer Zahl erscheinen Kochtöpfe, aber auch andersartige Küchen-, Tafel- und Haushaltsformen.
Die hohen, bauchigen oder konischen Töpfe KatNr. 1 bis 112 gehörten bis in das 19. Jahrhundert zur Grundausstattung einer neuzeitlichen Küche. Sie konnten sowohl als Kochgeschirr als auch zur Bevorratung verwendet werden, während der dreifüßige Topf KatNr. 118 rein als Kochgefäß konzipiert war. Henkel und Ausgüsse sind zwar nicht in allen Fällen erhalten, aber für einen Großteil der Töpfe anzunehmen, da die Gefäße in befülltem und/oder heißem Zustand sonst kaum sinnvoll zu handhaben gewesen wären. Einige Exemplare sind unglasiert und als Schrühbrände – also nicht fertiggestellte Stücke – zu werten. Die bei weitem vorherrschende Randform ist der Kragenrand, Krempränder erscheinen hingegen nur vereinzelt.
Zwei Töpfe (KatNr. 113–114) besitzen einen aufgestellten Rand mit umlaufendem Wulstring, der das Aufsetzen eines Stülpdeckels ermöglicht. Sie dienten eher zur Aufbewahrung als zu Kochzwecken.
Durch den ausladenden Rand sind die Töpfe KatNr. 115 und 116 eindeutig als Nachttöpfe zu identifizieren; KatNr. 115 weist sogar Stützdreiecke zwischen Rand und Schulter auf. Die ergonomische Formgebung dieses Nachtgeschirrs ist seit dem 16. Jahrhundert kanonisch, ebenso wie jene des „Weihwassertopfes“ KatNr. 117, der sich durch seinen Bügelhenkel und die abgeflachte Seite leicht an die Wand hängen lässt.
Recht altertümlich wirken die reduzierend gebrannten Töpfe KatNr. 119 bis 124 und die Bügelkanne KatNr. 125, die zudem alle eine Stempelung an der Oberseite des Henkels tragen. In Form und Material ähnliche Gefäße erscheinen schon im 15. Jahrhundert, wurden aber auch noch im 18. Jahrhundert hergestellt.
In der Gruppe der Krüge halten sich Stücke mit trichterförmig ausladendem Rand (KatNr. 126–131) beziehungsweise birnenförmigem Körper (KatNr. 132–137) mit jeweils sechs Exemplaren die Waage. Ein weiterer Krug (KatNr. 138) zeigt einen aufgestellten Rand zum Aufsetzen eines Stülpdeckels.
Die beiden weiß glasierten zylindrischen Krüge mit blau-wolkigen Glasurflecken KatNr. 139 und 140 unterscheiden sich nur minimal in der Größe. Bei ihnen handelt es sich um die beiden einzigen Objekte im Melker Material, bei denen sowohl Form als auch Dekor identisch wiederholt wurden.
Bauchige Henkelflaschen mit Ringplatte liegen als rekonstruierbare Ganzform (KatNr. 141) sowie als Randfragment (KatNr. 142) vor. Derartige Flaschen wurden – nur mit kleinen Unterschieden in der Randform und der Gefäßproportion – ab dem 14. Jahrhundert hergestellt.
Aus der in Größe und Form recht uneinheitlichen Gruppe der Schüsseln KatNr. 143 bis 148 sticht KatNr. 147 heraus, die als Barbierschüssel anzusprechen ist. Die breite Fahne wurde an einer Stelle halbrund ausgeschnitten, um – beispielsweise für eine Rasur – an den Hals gehalten werden zu können.
Bei den Stücken KatNr. 149 bis 163 handelt es sich (je nachdem, ob gegenständige Bandhenkel oder ein einzelner Rohrgriff angarniert wurden) um Dreifußschüsseln beziehungsweise -pfannen. An Randformen erscheinen Sichel-, Kremp- und Kragenränder. Bei den kleineren Gefäßen (Randdurchmesser bis 25 cm) wurden Rohrgriffe angebracht, während größere Schüsseln offenbar mit einem einzelnen Griff nicht mehr handhabbar waren und deshalb mit gegenüberliegenden Bandhenkeln ausgestattet wurden.
Die Schalen mit modelgeformten Grifflappen (KatNr. 165–167) sind ausnahmslos glasiert; bei KatNr. 166 und 167 wurde zusätzlich ein Schlingendekor aufgebracht.
Teller erscheinen im Melker Material sowohl mit (KatNr. 171–177) als auch ohne (KatNr. 168–170) abgesetzte Fahne. Singulär ist der unglasierte Teller KatNr. 172, bei dem die Fahne sechseckig zugeschnitten wurde.
Bei den malhornverzierten Gefäßen (KatNr. 178–214) erscheinen die Formen Teller, Schale und Schüssel, wobei der Unterschied in der Ansprache eher aus den Proportionsverhältnissen und weniger aus der Ausformung der einzelnen Gefäßzonen (Mulde/Spiegel und Fahne) resultiert. Parallel liegen sowohl Stücke mit einfärbiger Grundengobe als auch solche mit farbig abgesetzter Fahne und Spiegel vor. Bei drei Tellern (KatNr. 184–185, 206) fehlt die abschließende farblose Glasur über dem Engobendekor. Eine Verwendung in unglasiertem Zustand ist unwahrscheinlich, da die Verzierung zu leicht bestoßen oder verfärbt worden wäre; demnach handelt es sich hier also eindeutig um halbfertige Produkte.
Die Masse der glasiert und unglasiert auftretenden Deckel (KatNr. 215–271) wurde rein zweckorientiert gefertigt und entzieht sich aufgrund der langen Laufzeit der Formen einer genaueren Datierung. Weiters liegen neun Zargendeckel mit Malhorndekor (KatNr. 272–280) vor, deren Form und Dekor vom späten 16. bis in das frühe 20. Jahrhundert ohne große Veränderung belegbar sind. Auffällig ist, dass in dem Fundkomplex keine den malhornverzierten Deckeln zugehörigen Gefäße enthalten waren.
Dem Topf mit passend gefertigtem Deckel KatNr. 281 wurde durch Angarnierungen und angedeutetes Fell die Gestalt eines Bären gegeben. Derartige zoomorphe Gefäße erscheinen ab dem Spätmittelalter. Speziell für den Melker Bären wäre eine Verwendung als „Honigtopf“ denkbar.
Die KatNr. 283 bis 285 induzieren durch ihre flache Form eine Verwendung als „Bräter“. Besonders die beiden mit Ausgüssen versehenen „Saurüssel“ (KatNr. 284–285) scheinen sich speziell für das Garen von Vögeln bis zur Größe von Hühnern zu eignen, allerdings wäre bei ihnen aufgrund des kleinen Formats auch ein Gebrauch als „Sauciere“ denkbar. Formgleiche Pfannen erscheinen vom 16. bis in das späte 19. Jahrhundert.
Um „Gewürzgefäße“ scheint es sich bei den beiden kelchartigen Objekten KatNr. 286 und 287 zu handeln.
KatNr. 288, 289 und 290 dienten als Beleuchtungsgeräte, die als Lampe oder Kerzenhalter verwendet werden konnten. Diese Form ist bereits um 1600 nachweisbar.
Der typischen Form der Sparbüchsen, die seit dem Spätmittelalter fast unverändert auftritt, entsprechen hingegen KatNr. 291 und 292.
KatNr. 293, einer Schale mit durchbrochener Wandung, fehlen die sonst bei Wärmeschalen üblichen Durchlochungen im Boden. Trotzdem sind die Ähnlichkeiten zu eindeutig als „Glutpfannen“ genutzten Gefäßen von anderen Fundorten groß genug, um ihr diese Funktion zuweisen zu können.
Das glasierte Bügeltöpfchen mit durchbrochener Wandung KatNr. 294 hat hingegen nur dekorative Funktion. Genauso sind die Miniaturgefäße KatNr. 295 und 296, die detailgetreu die Form ihrer großen Vorbilder nachahmen, als Kinderspielzeug zu sehen.
Die Brennhilfe KatNr. 297 belegt gemeinsam mit den Schrühbränden und Halbfertigprodukten unter der Gefäßkeramik den engen Kontext des Fundkomplexes zu einer Hafnerwerkstatt.
Wohl unabhängig vom restlichen Keramikmaterial sind Fragmente von Ofenkacheln (KatNr. 301–304) in den abgemauerten Kellerraum gelangt. Sie stehen singulär und sind (vor allem KatNr. 301 aus dem 16. Jahrhundert) deutlich älter als die restliche Keramik. Die beiden ungebrauchten Leisten KatNr. 305 und 306 könnten jedoch durchaus in das frühe 18. Jahrhundert datiert werden.

Die in dem umfangreichen Keramikfundkomplex aus Melk vertretenen Gefäßformen besitzen durchwegs eine lange Laufzeit. Vergleiche für das vorliegende Material datieren von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis in das 19. Jahrhundert. Einige Formen wirken recht altertümlich, etwa die reduzierend gebrannten Töpfe mit Stempelung oder die Lampenkerzenhalter, doch ist auch für sie eine Entstehung noch im 18. Jahrhundert durchaus möglich und im vorliegenden Kontext mit Sicherheit festzustellen. Drei mit dem keramischen Fundmaterial vergesellschaftete Münzen liefern durch das jüngste Exemplar aus dem Jahr 1751 einen Terminus post quem für die Vermauerung des Kellers.
Vor diesem Hintergrund und besonders wegen des recht „modern“ anmutenden Dekors der Malhornware ist das Keramikmaterial aus Melk in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts zu stellen. Die Kachelfragmente, wie auch die beiden älteren Münzen, dürften sich aber schon vor der Einbringung des restlichen Materials in dem später abgemauerten Gang befunden haben, da sie durchwegs in das 16. und 17. Jahrhundert datieren. Auf eine annähernd gleichzeitige Entstehung der Gefäße verweisen auch die Homogenität von Formen und Dekorelementen sowie die Verwendung des weitgehend gleichen Rohstoffes; nur die für wenige Stücke nachweisbaren Keramikarten 1 und 2 unterscheiden sich makroskopisch grundlegend bezüglich ihrer Tonqualität.
Bereits zum Zeitpunkt der Bergung fiel auf, dass es sich bei dem Fundmaterial um Gefäße handelt, die offenbar nie in Verwendung standen: Mit wenigen Ausnahmen fehlen den Kochgefäßen Schmauch- oder Gebrauchsspuren, und die Malhornware besticht durch brillante, unberührte Oberflächen. Diese durchwegs neuwertigen Gefäße zeigen darüber hinaus keine formalen Wiederholungen, sieht man von der großen Anzahl an Henkeltöpfen mit Kragenrand ab, die aber auffälligerweise größenmäßig gestaffelt sind. Das Vorhandensein von Halbfabrikaten und Schrühbränden sowie einer Brennhilfe legt die Vermutung nahe, dass es sich um das Verkaufsinventar oder auch eine Art „dreidimensionalen Warenkatalog“ eines Hafnermeisters gehandelt haben könnte. Ob allerdings das vollständige Repertoire des Handwerkers vorliegt oder nur Teile davon in dem vormals zum Haus Nr. 12 gehörigen Kellerraum verblieben, muss offen bleiben. Einen Hinweis auf die Unvollständigkeit des Hafnerinventars könnten die zahlreichen unterschiedlich dekorierten Malhornstülpdeckel liefern, für die keine zugehörigen Gefäße vorhanden waren.
Das Gebäude Rathausplatz 12 stand an einem der beiden seit dem Spätmittelalter existierenden Marktplätze der Stadt. In der Hausgeschichte ist allerdings kein Hafnermeister als Besitzer oder Bewohner dieses Anwesens belegt. Die Grundbücher von Melk nennen ab der Mitte des 17. Jahrhunderts zwei Hafnermeister, die in der Wienerstraße beziehungsweise in der heutigen Prandtauerstraße wohnten und produzierten. Die Nachfolger dieser Hafner können noch bis weit über das Jahr 1750 hinaus an diesen Produktionsstellen nachgewiesen werden. Wo sie ihre Waren verkauften, ist aus den schriftlichen Quellen nicht nachvollziehbar, doch ist anzunehmen, dass dies auf den lokalen Wochenmärkten erfolgte. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass ein (oder beide) Hafner ein Verkaufslokal sowie einen Lagerraum für seine/ihre Musterkollektion im Zentrum des Marktes angemietet hatte/n.
Bei aller gebotenen Vorsicht lässt sich somit vielleicht sogar ein Verkaufsgewölbe im Erdgeschoß der Häuser Rathausplatz 11 beziehungsweise 12 postulieren. Aus einem unbekannten Grund – etwa wegen des Todes des Hafners – wurde diese Musterkollektion dann um die Mitte des 18. Jahrhunderts nicht mehr benötigt und verblieb in dem abgemauerten Lager.