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Geköpft – gerädert – gehängtRichtstätte Unterzeiring / Birkachwald: Der Beginn der steirischen Richtstättenarchäologie

Die Richtstätte des Landgerichtes Offenburg – Reifenstein in Unterzeiring © Archäologie Pölstal

Das Grabungsareal im Jahre 2013 © Archäologie Pölstal 

Skelett mit fehlendem Schädel. Bei Enthauptungen wurde der Schädel meistens gesondert deponiert © Archäologie Pölstal

Torso eines Hingerichteten (Geschlecht noch unbestimmt), vermutlich gerädert und geköpft, der Schädel fehlt; vermutlich intentionelle Deponierung der unteren Extremitäten © Archäologie Pölstal

Rezente, bemalte Flusskiesel mit Liebes- bzw. Fluchsprüchen © Archäologie Pölstal

Bei der ehemaligen Richtstätte des Landgerichtes Offenburg – Reifenstein im Birkachwald in der Steiermark werden seit 2012 archäologische Grabungen vorgenommen. Die Grabungskampagne 2014 dauert vom 21. bis 31. August, Interessierte sind herzlich willkommen. 

Urkundlich erwähnt wird die Richtstätte erstmals 1574 als ein Acker „gelegen unter der Niederen Zeiring im Stolfeld gelegen gegen den galgen“ verkauft wurde. Dieser Galgen oder „das Gericht“, wie man ihn auch nannte, war ursprünglich aus Holz. Als er 1740 durch den Sturm umgeworfen wurde, errichtete die Landgerichtsherrschaft Reifenstein einen neuen, gemauerten Galgen, eine Portalkonstruktion mit zwei gemauerten Säulen. Diese noch sichtbaren steinernen Säulen prägen noch heute die Landschaft. Die archäologische Grabungen gehen auf die Initiative des Vereins „Archäologie Pölstal“ (G. Kaser, I. Mirsch) zurück und können dank der Unterstützung des Bundesdenkmalamtes, der Bevölkerung, der Gemeinden, der Universität Graz und des Landes Steiermark durchgeführt werden.

„Verlochungen“ und Leichenschändung
Gemäß der 2012 sich abzeichnenden Verfärbungen konnten bei der Grabungskampagne 2013 mehrere in seichten Gruben verscharrte Leichen dokumentiert und geborgen werden, wobei sich – vorbehaltlich der gerichtsmedizinischen und anthropologischen Untersuchungen – aufgrund der erhaltenen Körperteile und Schnittmarken bei den ersten Halswirbeln bzw. Knochen der oberen und unteren Extremitäten, bereits die Hinrichtungsarten des Enthauptens und Räderns feststellen lassen. Somit dürften hier alle in der „Carolina“, „Steirischen Landgerichtsordnung“ bzw. „Theresiana“ genannten Todesstrafen exekutiert worden sein.
An Befunden sind neben Münzen und Anhängern (Kruzifixe) eine Gürtelschnalle mit anhaftenden organischen Resten (Ledergürtel) und ein Tongefäß (18. Jh.) zu nennen. Das Vorkommen derartiger Tongefäße im Umfeld einer Richtstätte ist zwar selten, jedoch erklärbar. Oft wurden einige Zeit nach Hinrichtungen aus den zur Schau gestellten Körperteilen der Delinquenten an Ort und Stelle Salben, Mixturen und Medizinen zubereitet (Medizinaltöpfchen). Mancherorts entwendete man den ganzen Leichnam, um daraus das als vermeintliches Heilmittel begehrte Leichenfett zu gewinnen.

Liebeszauber und Fluchsprüche
Der relativ gute Erhaltungszustand der unmittelbar unter dem Humus liegenden Knochen ist darauf zurückzuführen, dass das Areal unter und neben der Richtstätte wohl nie landwirtschaftlich genutzt wurde. Interessant ist die im Pölstal bis heute übliche Deponierung von sog. „Orgoniten“ sowie bemalter Flusskiesel mit Liebes- bzw. Fluchsprüchen im engeren Bereich der Unterzeiringer Galgensäulen.
Die anthropologische Bearbeitung der Knochenfunde erfolgt im Institut für Gerichtliche Medizin an der Universität Graz. Man erwartet sich davon detaillierte Erkenntnisse über Art der Hinrichtung, Alter, Geschlecht, Ernährung und Gesundheitszustand der Exekutierten.

Interdisziplinäres Projekt
Ergänzend zu den diesbezüglich in der Steiermark ersten und auch international gesehen bemerkenswerten Funden und Befunden konnten in den Fürstlich Schwarzenberg’schen Archiven Murau und Český Krumlov / Krumau (Tschechische Republik) Teile der bislang verloren geglaubten Kriminalprozessakten des Landgerichtes Offenburg – Reifenstein entdeckt werden. Nach Sichtung und Bearbeitung dieses wissenschaftlich bedeutsamen Aktenmaterials sollte es möglich sein auf dem Gebiet der Richtstättenarchäologie ein anschauliches Bild vom „Leben und Sterben“ im Pölstal (Landgericht Offenburg – Reifenstein) nachzuzeichnen. So findet sich u.a. folgende Eintragung: Am Abend vor der Hinrichtung der Verbrecher Peter am Painhausse und seines Knechtes Wolfgang im Jahre 1536 saßen der Ankläger, Stadtbote, Gerichtsdiener, Henker und die beiden Verurteilten im Haus des Steinmetzen Wall zusammen und tranken dabei um 1 Pfund 1 Schilling 11 Pfennig ganze 23 Viertel guten „Zwölferweins“, was einer Menge von 40 Litern entsprach, also 6,6 Liter Wein pro Person…

Entbehrt dieses Szenarium schon an sich nicht einer gewissen Kuriosität, so wird daraus ersichtlich, dass der Freimann / Henker hierorts durchaus nicht als ein von der Gesellschaft ausgestoßener Mensch galt.
 

Es ist beabsichtigt, nach Abschluss der Grabungen die aus archäologischen, anthropologischen, volkskundlichen, rechtshistorischen und archivalischen Quellen gewonnenen Erkenntnisse in einem Sammelband allgemein zugänglich zu machen.

Ein Text von Ingo Mirsch.

Literaturtipps:
Ingo Mirsch, Richtstättenarchäologie in der Steiermark. In: J. Auler (Hrsg.), Richtstättenarchäologie 3. Dormagen 2012, 190 – 221.

Ingo Mirsch, Grabungen an der Richtstätte bei Unterzeiring. Ein aktuelles Projekt. In: J. Auler (Hrsg.), Richtstättenarchäologie 3. Dormagen 2012, 96 – 103.

Ingo Mirsch, Das Hochgericht im Birkachwald. Erste archäologische Forschungen bei der Richtstätte des Landgerichtes Offenburg – Reifenstein. Hohentauern 2013. (= Beiträge zur Kultur- und Heimatgeschichte Hohentauerns 23, 26. Jg., Nr. 74)

Online:
https://www.youtube.com/watch?v=GYPBeSd3vZw
Ausflugstipp: http://www.historische-wanderungen.at/



 

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