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St. Georgen an der Gusen – aktuelle Ergebnisse

 © BDA

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In den letzten Wochen gingen zahlreiche Meldungen über neue Funde in St. Georgen an der Gusen durch die internationale Presse. Hier sind die aktuellen Erkenntnisse des Bundesdenkmalamtes dazu.

Stopp der ohne denkmalrechtliche Bewilligung durchgeführten Grabungen

In den letzten Wochen gingen zahlreiche Meldungen durch die internationale Presse, wonach der Journalist und Filmemacher Andreas Sulzer einen neuen Zugang zur NS-zeitlichen Stollenanlage „Bergkristall“ gefunden habe. Er behauptet, die Anlage wäre wesentlich größer als bisher vermutet.

Herr Sulzer hat bei seinen vor Weihnachten 2014 ohne denkmalrechtliche Bewilligung durchgeführten Grabungen im Bereich des heutigen Schützenheims in St. Georgen an der Gusen ein unterirdisches Betonbauwerk teilweise freigebaggert. Nach dem österreichischen Denkmalschutzgesetz sind Ausgrabungen bewilligungspflichtig und dürfen nur von dazu befähigten Fachleuten mit einschlägigem Universitätsstudium (Archäolog/innen) durchgeführt werden. Aus diesem Grund hat die Bezirkshauptmannschaft Perg diese Maßnahme auf Antrag des Bundesdenkmalamtes am 23. Dezember 2014 gestoppt.

Teil einer ehemaligen SS-Schießanlage

Nähere Untersuchungen durch das Bundesdenkmalamt unter Einbeziehung von Experten für Tunnel- und Stollenbau sowie Schießwesen bezeugen, dass es sich weder um einen Eingang zu einem unentdeckten Stollensystem noch um einen Bunker handelt. Vielmehr steht das aufgefundene unterirdische Bauwerk in direktem Zusammenhang mit dem Schützenheim, welches unter dem Naziregime als SS-Schießstand errichtet wurde.

Auf einem historischen Luftbild von 1945 sind die vom Schießstand ausgehenden Schussbahnen deutlich sichtbar. Es sind drei Schussbahnen mit einer Läge von 50, 100 und 150 Meter zu erkennen. Bei dem nun aufgetauchten Bauwerk handelt es sich laut der fachlichen Einschätzung eines gerichtlich zertifizierten Sachverständigen für Schießwesen um eine so genannte „Aufzeigerdeckung“. In der genau 150 Meter vom Schützenheim entfernten unterirdisch angelegten Deckung wurden die Zielscheiben bedient und die Auswertung der Schussergebnisse telefonisch an den Schießstand übermittelt. Ähnliche Anlagen sind heute noch in militärischer Verwendung. Aus dem Luftbild und den Gegebenheiten vor Ort geht hervor, dass neben der „Aufzeigerdeckung“ der 150m Bahn auch jene der 100m Bahn unterirdisch erhalten ist. Der historische Ziel-Unterstand der 50m-Bahn ging hingegen bei Umbauarbeiten der Anlage des heutigen Schützenvereins verloren.

Die „Aufzeigerdeckungen“ in St. Georgen an der Gusen sind seltene Zeugnisse ihrer Art in Österreich. Als Teil der Anlage des ehemaligen SS-Schießstandes, der wiederum zum Komplex des ehemaligen Konzentrationslagers Gusen I und II zu rechnen ist, kommt diesen Relikten historischer Dokumentationswert zu. Sie dokumentierten nicht nur die in der österreichischen Nachkriegsgeschichte verdrängten Orte der Täter des NS-Terrors, sondern auch die Orte der Opfer, denn diese Stätten wurden samt der verwendeten Werksteine von KZ-Häftlingen errichtet bzw. hergestellt. Daher kommt ihnen in hohem Maße auch ein Mahnwert zu.

Das Bundesdenkmalamt hat daher per Bescheid festgestellt, dass diese „Aufzeigerdeckungen“ den Bestimmungen des Denkmalschutzgesetzes unterliegen.

Weitere Forschungsthemen

Alle weiteren Fragen zu unterirdischen Anlagen in Zusammenhang mit dem ehemaligen Konzentrationslager Gusen bilden Themen der wissenschaftlichen Forschung. Soweit in späterer Folge hierzu Forschungsgrabungen angedacht werden, wird beim Bundesdenkmalamt eine entsprechende Grabungsbewilligung zu beantragen sein.
 

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