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Jänner

Verschüttete Zeugnisse des NS-TerrorsArchäologische Untersuchungen bringen bedeutende Baureste des ehemaligen Konzentrationslagers Gusen I (Oberösterreich) ans Licht

Der 2016 freigelegte Vorplatz vor den Steinfundamenten der ehemaligen Küchenbaracke. Im Hintergrund ist die 6 m hoch erhaltene Stützmauer zu sehen. (© BDA)

Luftbild des Konzentrationslagers Gusen I (Foto: März 1945). In der Bildmitte der Appellplatz (Nr. 13) und die angrenzende Küchenbaracke in der Nordostecke des umzäunten Häftlingslagers. (© BMI)

Freigelegte Teile der erhaltenen Stützmauer am nordöstlichen Rand des ehemaligen Häftlingslagers. (© Archeonova)

Zeitgenössische Aufnahme vom Bau der massiven Stützmauer, die das Häftlingslager vom Industrieareal des Lagers Gusen trennt (Foto:1942/1943). (© Bundesarchiv)

Zeitgenössische Aufnahme von der Errichtung des Appellplatzes (Foto: um 1940). Im Vordergrund KZ-Häftlinge bei der Errichtung der groben Granitsteinschlichtung zur Befestigung des Untergrundes. (© Bundesarchiv)

Der Appellplatz von Gusen mit der äußeren Umgrenzungsmauer des Häftlingslagers kurz nach Kriegsende. Im Hintergrund das »Jourhaus«, ganz rechts die Küchenbaracke. (© Privatsammlung, Linz)

Die freigelegte Fundamentmauer der Küchenbaracke. Das geschalte Betonbett an der Maueroberkante diente als Auflager für die ehemalige Holzkonstruktion. (© Archeonova)

Wesentliche Teile des ehemaligen Konzentrationslagers Gusen I waren seit Jahrzehnten meterhoch überschüttet. Der ehemalige Appellplatz und die monumentale Stützmauer sind nach ihrer Freilegung nun wieder als Dokumente des nationalsozialistischen Terrorregimes anschaulich wahrnehmbar.

Das Konzentrationslager Gusen in der Gemeinde Langenstein (Oberösterreich) wurde im Frühjahr 1940 als ›Zwillingslager‹ des benachbarten Konzentrationslagers Mauthausen in Betrieb genommen. Der wirtschaftliche Fokus des ›Dritten Reiches‹ lag dabei von Anfang an auf dem Lagerteil Gusen. Die Ausbeutung der KZ-Häftlinge erfolgte durch die SS-eigene »Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST)« in den umliegenden Granitsteinbrüchen. Ab 1943 wurde der Schwerpunkt der Produktion auf die Rüstungsindustrie verlagert und das Konzentrationslager Gusen I durch ein Industrieareal erweitert. Die Gusener Häftlinge wurden nun gezwungen, Rüstungsgüter für große Unternehmen wie die Steyr-Daimler-Puch AG oder die Messerschmitt GmbH zu fertigen. Im Lager Gusen I waren bei Kriegsende 1945 mehr als 11 000 Menschen inhaftiert.
Durch die Zwangsarbeit in den Steinbrüchen und die menschenunwürdigen Bedingungen zählten Mauthausen und Gusen zu den gefürchtetsten Konzentrationslagern im Reichsgebiet, was sich auch in den Opferzahlen widerspiegelt: Mehr als 30 000 Häftlinge kamen allein im Lagerkomplex Gusen I und II zu Tode.
Nach der Befreiung durch amerikanische Truppen Anfang Mai 1945 wurden die bestehenden Holzbaracken des Häftlingslagers wegen Seuchengefahr abgebrannt. Nach der Übernahme des Lagerareals durch die sowjetische Besatzungsmacht wurden die Steinbrüche bis 1955 als USIA-Betrieb »Granitwerke Gusen« weitergeführt. In dieser Phase erfolgten bereits die ersten Überschüttungen des ehemaligen Appellplatzes mit Abraum. Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen wurde das Lagergelände teilweise parzelliert. Anfang der 1960er Jahre verkaufte die Republik Österreich das Steinbruchareal samt den Resten der zugehörigen Industrieanlagen an einen privaten Eigentümer. Dieser nutzte das Areal bis zuletzt weiter als Halde für Steinabfälle.

Im Zuge der teilweisen Wiederfreilegung des Appellplatzes wurden von der Abteilung für Archäologie des Bundesdenkmalamtes im Spätsommer 2016 archäologische Sondierungen und Dokumentationen durchgeführt.
Dabei zeigte sich, dass die massive Granitsteinschlichtung des Unterbaus des Appellplatzes zumindest teilweise erhalten ist. Daneben fanden sich Steinfundamente und Estrichböden der ehemals 57 m langen und 15 m breiten Küchenbaracke, die unmittelbar nördlich an den Appellplatz grenzte.
Das Areal um den Appellplatz wird an der Nordostecke von einer bis zu 6 m hoch erhaltenen Stützmauer aus Granitquadern begrenzt, die das tiefer gelegene Häftlingslager vom sogenannten Industriehof trennte. Im Zuge der aktuellen Materialgewinnung wurde ein rund 35 m langer Teil dieser Mauer freigelegt, die in ihrer beklemmenden Monumentalität nun wieder sichtbar ist.
In Übereinstimmung mit dem Grundeigentümer wurden sowohl die aufgedeckten als auch die zurzeit noch überschütteten Teile des Appellplatzes als historische Dokumente des nationalsozialistischen Terrorregimes unter Denkmalschutz gestellt. Der Appellplatz samt den Resten der Küchenbaracke und die Begrenzungs- und Stützmauern des Häftlingslagers sind somit ein weiterer wesentlicher Bestandteil der Denkmalanlage des ehemaligen Konzentrationslagers Gusen.

Weiterführende Informationen:
www.gusen-memorial.at
www.gusen.org

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