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Die OpernpassageWien wird Weltstadt

Die filigranen, transparenten Einhausungen der Opernpassage-Zugänge aus dem Jahr 1955 konnten - trotz geänderten sicherheitstechnischen Anforderungen - erhalten und instandgesetzt werden.
© BDA, B. Neubauer-Pregl

Baustelle im Jahr 1955
© Bildarchiv Österreichische Nationalbibliothek

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Das "Rondo" im Zentrum der Opernpassage war der Inbegriff eines modernen, urbanen Cafes. Heute befindet sich die Traditionsbäckerei "Anker" in der ovalen Mitte der Opernpassage.
© Bildarchiv Österreichische Nationalbibliothek

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Einladung zur Eröffnung der Opernpassage 1955
(aus dem Besitz von Peter Kollin)

Montage der Linoleumverkleidungen im Jahre 1955. Das Erscheinungsbild dieser ursprünglichen und über Jahre verdeckten Säulenverkleidung konnte 2013 trotz stengster Brandschutzauflagen wieder hergestellt werden.
© Bildarchiv Österreichische Nationalbibliothek

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Bodenbelag und Pfeilerverkleidungen konnten in Anlehnung an das Erscheinungsbild der 1950er-Jahre wieder hergestellt werden.
© BDA, B. Neubauer-Pregl

Der indirekte Beleuchtungsring wurde abgestimmt auf das Gesamtbild von der Magistratsabteilung 33 wieder hergestellt.
© BDA, B. Neubauer-Pregl

Sämtliche originalen Türgriffe wurden als wichtiges Charakteristikum der 1950er-Jahre erhalten.
© BDA, B. Neubauer-Pregl

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Bürgermeister Dr. Michael Häupl bei der Eröffnung am 17. September 2013

Vizebürgermeisterin Mag. Renate Brauner mit dem Geschäftsführer der Wiener Linien Dipl.-Ing. Günter Steinbauer, Kulturstadtrat Dr. Andreas Mailath-Pokorny sowie Vizebürgermeisterin Mag. Maria Vassilakou (im Uhrzeigersinn) freuten sich bei der Eröffnung über das gelungene Ergebnis.

Eine Informationstafel macht auch für TouristInnen die Geschichte der Opernpassage anschaulich.
© BDA, B. Neubauer-Pregl

© Bildarchiv Österreichische Nationalbibliothek

Unter der Federführung der Magistratsabteilung 33 konnten die historischen Leuchtenformen an der Decke wieder hergestellt werden.
© BDA, B. Neubauer-Pregl

Bei den neuen Rolltreppen ist es gelungen, auch 1950er-Jahre-Details wie die geriffelten, zweifach gekrümmten Bleche wieder herzustellen.
© BDA, B. Neubauer-Pregl
 

Auch die Mülleimer entsprechen dem Gestaltungskonzept der Opernpassage.

Architekt Dorian Zapp vom Büro gerner°gerner plus architects koordinierte die unzähligen Planungsschritte bei der Instandsetzung der Opernpassage.
© BDA, B. Neubauer-Pregl

"Die Aufwertung der Opernpassage ist in jeder Hinsicht gelungen." freut sich Herr Peter Kollin, Inhaber des traditionsreichsten Geschäftslokals "Collins" in der Opernpassage, über den Abschluss der Arbeiten.
© BDA, B. Neubauer-Pregl
 

© BDA, B. Neubauer-Pregl

Bereits Hans Moser (re. oben), Heinz Conrads (re. unten) und Helmut Qualtinger kauften ihre Hutbekleidung in der Opernpassage.
(Gästebuch von Collins Hut und Mode)

Der österreichische Künstler Ernst Caramelle gestaltete die Installation "Ohne Titel" in der neugestalteten Kunstpassage Karlsplatz.
© BDA, B. Neubauer-Pregl

Wandmalerei von Ernst Caramelle in der Kunstpassage Karlsplatz.
© BDA, B. Neubauer-Pregl

Fünfzig Jahre gingen nicht spurlos an der Wiener Opernpassage vorüber. Im Laufe der Zeit schlichen sich immer mehr störende Materialien, Formen und Details ein: Ein unpassender Boden, schreckliche Leuchten, Säulen wurden eckig. Mit diesen Verunstaltungen wurde jedoch nun aufgeräumt und das Ergebnis konnte am 17. September 2013 bei der Eröfffnung präsentiert werden.

Die Opernpassage an der Wiener Ringstraße ist ein Denkmal der architektonischen Träume der Nachkriegszeit. Einen Tag vor der feierlichen Wiedereröffnung der Staatsoper wurde die Opernpassage am 4. November 1955 als "Schmuckstück im Herzen der Stadt" ihrer Bestimmung übergeben. Als großzügige, ultramoderne Fußgängerpassage ermöglichte sie den Passanten ein sicheres Unterqueren der Ringstraße und verbreitete mit den mondänen Gastronomie- und Geschäftslokalen das großstädtische Flair einer aufstrebenden Metropole. Nach über fünfzig Jahren wurde die Opernpassage 2011-2013 in enger Zusammenarbeit des Bundesdenkmalamtes mit den Wiener Linien und der Stadt Wien unter der Leitung des Generalplaners "ARGE Kulturpassage Karlsplatz - gerner°gerner plus | ritter+ritter | vasko+partner" in Stand gesetzt. Nach Abschluss der aufwändigen Restaurierungsarbeiten bezeugt dieses Denkmal der Nachkriegsarchitektur auch in Zukunft den Glauben an die Utopie der Moderne.

Die Geschichte

"Errichtung eines Fussgeherdurchganges - Täglich über 76.000 Fussgänger werden ab Herbst 1955 diese Kreuzung unterirdisch gefahrlos übersetzen können." So kündigte die Bautafel vor der Oper 1954 die Arbeiten für die Passage an. In der Rekordzeit von nur acht Monaten wurde die Opernpassage an der damals verkehrs- und unfallreichsten Kreuzung Wiens errichtet. Tag und Nacht wurde gearbeitet, damit sie bis zur Eröffnung der wiederaufgebauten Staatsoper fertig gestellt werden konnte. Die Opernpassage war das erste Bauwerk dieser Art in Österreich und ein Symbol für das moderne Nachkriegs-Wien. Sie sollte den Beweis für den Beginn einer "zukunftsfreudigen Entwicklung" liefern, die "Wien zu einer Weltstadt" machen würde. Die Zeitungen berichteten von der "neuen Sehenswürdigkeit" und die WienerInnen standen Schlange, um die Sensation zu bewundern und die neuen Rolltreppen auszuprobieren. Wien war um eine Attraktion reicher.

Die Rolltreppe in der Opernpassage – Georg Kreisler
„[...] Der höchste Triumph architektonischer Eleganz, / das sehenswürdigste Wunder des Abendlands, / die Sensation des Jahrhunderts, / der dernier cri, die Rage - / das ist die Rolltreppe in der Opernpassage. // Sonst lässt mich Wien ziemlich kalt. / Die Ringstraße ist eng, / die Oper ist unmusikalisch, / und Schloss Schönbrunn ist ärmlich. / Ferner könnte der Stephansdom höher sein, / im Prater könnte man mehr Bäume pflanzen, / und das Belvedere, also wissen Sie, / das ist eine Hütte ganz erbärmlich! // Aber die Rolltreppe! / Es ist ja nicht nur eine, sondern vier! / Das gibt es in der ganzen Welt nicht, / da schwör ich drauf. / Und wie genial es gemacht ist! / Denn sehen Sie, diese Rolltreppe / fährt nicht nur hinunter, nein! / Die fährt auch hinauf! // Ich bin vier Stunden lang / hinauf- und hinuntergefahren, / immer hinauf und hinunter. / Sie werden meine Begeisterung verstehen. / Und wie entzückend es unten ist! / Ich könnte den ganzen Tag / um das Espresso spazieren gehen. [...]“
© Georg Kreisler, Basel, in: Wien im Gedicht, hg. v. Hertha Kratzer, öbv & hpt, 2001

Die baukünstlerische Gestaltung der Opernpassage wurde von Architekt Adolf Hoch (1910-1992) geplant, der als einer der führenden Verkehrsplaner der Nachkriegszeit eine ganze Reihe von Infrastrukturbauten in der Stadt errichten konnte. Der Opernpassage folgten innerhalb weniger Jahre die Bellariapassage (1961), die Babenbergerpassage (1961), die nicht von ihm entworfene, heute aber immer noch besonders modern anmutende Schottentorpassage (1961) und zuletzt die Albertinapassage (1964). Ab 1978 wurde die Opernpassage im Zuge des U-Bahn-Baus zum Eintrittsportal in ein dicht gespanntes Netz von Verbindungspassagen rund um den Karlsplatz als größtem unterirdischen U-Bahn-Knoten der Stadt Wien. Ein grundsätzliches Überdenken der Nachkriegsvision einer autogerecht geplanten Stadt führte ab den 2000er Jahren zur Rückverlagerung des Fußgängerverkehrs an die Oberfläche und zur kreativen Nachnutzung der zentral gelegenen Fußgängerunterführungen an der Ringstraße als Disko- oder Clublokale. Der ursprünglichen Funktion treu blieben die Schottentorpassage und die Opernpassage, die heute immer noch von hundertausenden Menschen pro Tag frequentiert werden.

Die Architektur der Nachkriegsmoderne

Mit der Opernpassage wurde ein neues Kapitel in der Architekturgeschichte der Ladenpassagen aufgeschlagen. In radikal neuer Form folgt sie im Kern den berühmten Geschäftspassagen des 19. Jahrhunderts und ist gleichzeitig ein Vorbote der Architektur der Einkaufszentren. Die Geschäfte in der Opernpassage zielten nicht mehr auf den eleganten Flaneur in den gläsernen Einkaufsstraßen in Mailand oder Paris. Die Welt des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit war schneller und hektischer geworden. Ein schneller Espresso im Stehen. Zwei, drei Blicke in die Auslagen der Geschäfte. Vielleicht ein kurz entschlossener Kauf. Lässige Geschäftigkeit am Weg in oder aus der Arbeit war an die Stelle des gemächlichen Einkaufserlebnisses des gehobenen Bürgertums getreten. Die Geschäftslokale in der Opernpassage waren keine verschlossenen Einkaufstempel. Dort sollten alle BürgerInnen und BesucherInnen der Stadt die Früchte des wirtschaftlichen Aufschwungs genießen können.

„Da alle Wände des Espressos und der Geschäftslokale aus Glas sind, wirkt die Halle von jedem Punkt aus wie ein einziger, von Lichterglanz strahlender Raum, der sogar noch größer erscheint als er tatsächlich ist.“ ArbeiterZeitung 1955 zur Opernpassage

Dieser egalitäre Gedanke spiegelt sich in der Architektur der Passage. Die Abgänge in die ovale Halle wurden durch je zwei Rolltreppen erschlossen. Im Zentrum des Tiefgeschosses lag das ovale, gläserne Kaffee “Rondo”. Von diesem Treff- und Mittelpunkt der Unterführung genoss man einen Blick auf das geschäftige Treiben in der Passage und auf die in der Art einer zweiten Raumschale parallel zu den Außenwänden des Ovals errichteten Geschäftslokale, die Zeitungen, Tabak oder Schuhe feil boten. Charakteristisch für die Gestaltung der Opernpassage ist die Transparenz der Architektur. Die lediglich durch zarte Messingprofile gerahmten Nurglasscheiben der Zugänge, des Kaffees und der Geschäfte sollten ein Maximum an Transparenz sicher stellen und so den demokratisch-offenen Charakter der Architektur unterstreichen. Gemeinsam mit der funktionalen Reduktion des Dekors der Ausstattungsdetails spiegelt der Entwurf die coole Eleganz der Nachkriegsmoderne, deren zeitlose Qualität gerade in den letzten Jahren wieder besondere Beachtung findet.

Die Instandsetzung

Als Grundlage für die Instandsetzungsarbeiten in der Opernpassage wurden ab 2009 umfangreiche architekturhistorische und restauratorische Voruntersuchungen zur Geschichte und allen Bauteilen der Passage in Auftrag gegeben. Auf dieser Grundlage entwickelte das Bundesdenkmalamt gemeinsam mit dem Generalplaner einen detaillierten “Gestalterischen Leitfaden Opernpassage”, der als Zielvorgabe die Erhaltung der bestehenden Substanz und die Wiederherstellung des 1955 intendierten Erscheinungsbildes formulierte. Im Vordergrund stand die Restaurierung und die Instandsetzung aller bauzeitlichen Gestaltungselemente, wie etwa der gebogenen Gläser der Geschäftsfassaden, der Glaseinhausungen der Zugänge, der Gestaltung der Stützen oder des Bodenbelags. Messingrahmen oder bauzeitliche Türgriffe wurden restauriert, Gläser und Bodenbeläge wurden dem wesentlich verschärften sicherheitstechnischen Normenkorsett entsprechend nachgebildet. Das viele Jahre verschwundene, jedoch besonders wichtige Schachbrettmuster am Boden konnte mit dem helleren„Kashmir Gold Light“ und dem rötlicherem „Kashmir madura gold“ wieder hergestellt werden. Ergänzend wurde ein Lift in der historischen Rolltreppen-Landschaft der Passage errichtet, der die Unterführung und den Verkehrsknotenpunkt in Zukunft auch für mobilitätseingeschränkte Personen und Menschen mit Kinderwägen wesentlich besser erreichbar macht.

„Hier ist eine Visitenkarte der Stadt Wien entstanden, ein Ort des Verweilens, ein Ort mit Aufenthaltsqualität und Ambiente, ein Ort, den man auch erst wieder entdecken muss, ein Ort, an dem man sich die Zeit nimmt, in die eine oder andere Auslage zu schauen. Wir sollten nicht vergessen, dass man gerade hier ein Stückchen Wien hat, auf das man auch stolz sein kann.“ Vizebürgermeisterin Mag. Maria Vassilakou bei der Eröffnung am 17. September 2013

Ein Highlight der Untersuchungen zur Opernpassage war die Entdeckung der historischen Linoleumverkleidungen unter den jüngeren, polygonalen Marmorverplattungen der Stützenschäfte in der Passage. Dieses für die Erscheinung der Passage so wesentliche Gestaltungselement wurde in das Sanierungskonzept einbezogen und unter Berücksichtigung der aktuellen Brandschutznormen in bedrucktem Glas nachgebildet. Auch für die gebogenen Gläser der Geschäftsfronten musste eine Speziallösung ausgearbeitet werden, um den historischen Charakter der Unterführung erhalten zu können. Der Einbau hochmoderner Hochdruckwassernebeltechnik konnte nicht nur den Brandschutz sondern auch die Ansprüche des Denkmalschutzes befriedigen. Unzählige Details, wie etwa die geriffelten Blechverkleidungen der Rolltreppen wurden minutiös in das Wiederherstellungskonzept der Generalplaner aufgenommen und stellen so auch nach über fünfzig Jahren die Ablesbarkeit der Architektursprache und der städtebaulichen Vision der 1950er Jahre sicher. Wien war und ist eine Weltstadt.

 

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